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Opferfelsen in der Bronzezeit
Schellnecker Wänd

 
Nun stehn wir da, am Fuß der Felswand, die gerade nach oben steigt. Eine mächtige Wand, da kann keiner rauf klettern. Nur runter fallen.
Wir halten Abstand zur Wand, damit wir nicht getroffen werden, nachher. Wir stehen ganz still in unseren langen Kleidern, wie Bäume. Rings um uns sind richtige Bäume, hinter uns der Fluss. Wir warten, Frauen, Männer und Kinder.

Im Frühjahr haben wir die Felder bestellt. Mit starken Hölzern haben wir die Rillen gezogen und die Saatkörner reingelegt. Und diese dann zugedeckt, damit die Vögel sie nicht fressen. Mit dem Regen sind dann die kleinen Pflänzchen aus der Erde heraus gekommen und langsam immer höher gewachsen. Dann haben sich die Körner gebildet, auf die wir gewartet haben. Jetzt war wieder die Zeit, dass wir aufpassen und die Vögel verscheuchen.
Unsere Alten mit ihrer langen Erfahrung haben uns dann gesagt, wann wir die Körner ernten sollen. Da haben wir unsere Sicheln genommen. Die meisten von uns haben solche mit scharfen Steinen im gebogenen Holz. Einige haben aber auch Sicheln aus Bronze, die sie bei den Händlern eingetauscht haben. Mit der einen Hand haben wir die Ähren gepackt und diese mit der Sichel in der anderen Hand ganz oben von den Halmen abgeschnitten.
Die gesammelten Ähren sind dann gedroschen worden, um die Körner ganz heraus zu quetschen. In den Vorratshäusern haben wir die Körner dann getrocknet und für den Winter aufbewahrt.
Zum Essen werden einige handvoll Körner zerdrückt und gemahlen. Daraus machen wir einen Brei, den wir noch mit Würzkräutern vermischen und leicht salzen, damit er uns auch schmeckt. In kleinen Schalen essen wir den Brei dann gemeinsam.

Und nun stehen wir immer noch da und warten. Da ertönt von hoch oben über der Felswand ein langezogener Ruf mit wechselnder Melodie. Unsere Frauen, die wir vorher ausgewählt haben, sind oben angekommen und bereit für die Zeremonie. Wir antworten alle mit gleichen Rufen und blicken nach oben. Wir sehen die Frauen nicht, aber schon fliegt die erste Schale, mit Brei gefüllt, weit hinaus in die Luft und schmettert vor uns auf den weichen Boden, auf dem sie in kleine Stücke zerbricht. Gleich folgen auch die Gefäße der anderen Frauen, die sie jeweils mit lauten Rufen weit hinaus werfen.

Hinaus - in die Luft, in die Welt, in unser Leben.
Hinaus, damit wir auch weiter noch
unseren Brei zum Essen haben
und dass wir in der Welt leben können.

Und dafür sind wir ihr dankbar.

Kurt Scheuerer, Ingolstadt, 2018


Siehe auch:
  • (Link)
  • Gedichte zu Themen aus Ingolstadt und der Region (Link)
  • Sagen aus Ingolstadt und der Region (Link)

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